05/04/07 - "black box" - Release Show
Monty burns im Oktober 2009 Stadthalle Hagen – Support von Procul Harum Zwischenfall Bochum – Teilnahme an der Ruhrklang Initiative
Liebes Tagebuch,
es ist Samstag, der zehnte Oktober 2009. Draußen vor dem Fenster wütet ein fieser Herbsttag und ich sitze in eine kuschelige Decke eingehüllt und lausche dem Klang der Spülmaschine. Gerne möchte ich Dir schreiben, dass wir zwei tolle Konzerte in Hagen und Bochum gespielt haben. Wir hatten tolle Unterstützung von ein paar eisernen Mitreisenden und konnten viele neue Erfahrungen sammeln.
Es ist nun ein Tag vor meinem 30sten Geburtstag und ich blicke ehrfürchtig auf die gemeinsame Zeit als Band. Vor meinem geistigen Auge nehme ich Bilder im Scheinwerferlicht war, höre Applause, erinnere mich an Schweiß, Freudenausbrüche, Streitigkeiten und lange Wartezeiten. Mit ein bisschen Trance finde ich das Gefühl im Körper, dass zwei, drei Minuten vor einem Auftritt schwellt und kann genau spüren, wie sich die ersten Sekunden vor einem starr blickenden Publikum anfühlen.
Nach dem FZW Konzert habe ich Dir ja zu verstehen gegeben, dass es mir nicht gut ging. Ein unerwarteter Tiefschlag, der mich mehrfach hat ans Aufhören denken lassen. Es ist aber wie das ewige Spiel der Gezeiten. Jetzt ein Auf, „damals“ ein Ab. Es gehört dazu und ich brauchte knappe sechzehn Jahre Bandmusik um kleine Schritte der Weisheit dazu zu gewinnen. Zwar gehen die Hässlichkeiten des Alters mit dieser Weisheit im Gleichschritt, aber ich bin stolz auf unser Konstrukt. Kurze klopfe ich uns verbal auf die Schulter, um mich im nächsten Moment mit neuer Motivation wieder neuem Bandliedgut widmen zu können. Es wird sicher nicht lange dauern, bis ich Dir wieder Leid klage. Aber vielleicht erinnerst Du mich dann an diesen Bandtagebucheintrag und verweist nüchtern auf das gezeichnete Spiel der Gezeiten.
Die Konzerte haben mir einmal mehr gezeigt, dass wir mit wenig Arroganz und viel „wir“ spielen können. Trotz unterschiedlicher Charaktere, Vorstellungen und Lebensentwürfe können wir uns beinahe nicht mehr dagegen wehren, dass wir Stück für Stück zusammen wachsen. Zwar werden es wohl keine fünfzig Jahre wie bei der Goldhochzeit meiner Großeltern, aber sicher noch ein paar Momente in „Fünfsamkeit“. Mit der 30 im Nacken möchte ich Dir, liebes Tagebuch, weiter schreiben, dass ich froh darüber bin, dass wir immer noch ein paar Jungs aus dem Ruhrgebiet sind, die über schmutzige Witze lachen, auf der Bühne Freude haben und echt bleiben können. Wir schminken uns nicht. Noch nicht. Wir rauchen backstage keine überdimensionalen Wasserpfeifen mit Kokus-Mandel-Käsefuss Duft, wir brüllen uns vor Konzerten nicht ein und wir kritisieren keine anderen Bands… Nicht aus Gleichgültigkeit und dem Abschluss mit dem System der Plattenindustrie. Nein. Aus Gründen der Echtheit.
Backstage lehnte unser Techniker müde in einer abgewetzten Couch und fragte mich Minuten vor dem Auftritt müde: „Nille, wie lange wollt Ihr eigentlich noch Konzerte wie diese spielen? Seit wann hängt Ihr hier rum? Doch sicher seit 17:00 Uhr? (Auftritt ist um 22;45 Uhr – die Redaktion). Ihr bekommt dafür keinen Cent Gage und Essen gibt es auch nicht.“ Nicht minder müde (aber erregt) konnte ich sofort verbal gar nicht so viel entgegen setzen. Kurz dachte ich an „So ist der Weg halt“ habe es aber aus Banalitätsgründen nicht gesagt. Und sicher gibt es Tage, an denen ich am liebsten fett auf meiner nicht abgewetzten Couch sitzen und zocken würde, aber Das ist nicht Monty burns und ich würde es vermissen.
Dieser Eintrag, liebes Tagebuch, soll erst einmal nicht dazu dienen, dass ich die Konzerte Revue passieren lasse. Ein bisschen soll beim Publikum auch ein Neid auf verpasste Konzerte entstehen ;-) Dankbar möchte ich mich zeigen und versuchen, aktuelle Gefühlswelten für „SPÄTER“ festzuhalten. Montag wird sicherlich keine Monty burns Probe stattfinden und mit an prophetischer Eingebungskraft kann ich auch den Mittwoch ausschließen. Die mitgereiste backline wird in einer Woche noch genau so im Probenraumstudio liegen, wie wir sie gestern Nacht zurück gelassen haben. Auch wird es keine plötzlichen E-Mail Fluten, Konzertanfragen und parfümierten Liebesbriefe geben. Die Homepage wird nicht wegen Überfüllung geschlossen und der freundliche Volksbankmitarbeiter wird mir auch beim nächsten Blick auf unser Bandkonto keinen Latte irgendwas spendieren. Das alles wird wieder neue Gedankenwellen auslösen. Wie bei den Gezeiten eben. Aber dann werfe ich einen Blick auf diesen Eintrag und gehe Musik machen. Bis zum nächsten Mal
Dein Nils
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